Thomas de Vachroi sagt: Die Probleme sind enorm. Hunger, Obdachlosigkeit, Wohnungsmangel, zu hohe Mieten und viel zu teure Lebensmittel. Allein in Berlin gibt es 48 Tafeln.
Sie sind als der einzige Armutsbeauftragte in Deutschland so eine Art Ein-Mann-Lobbyist für Menschen in Armut. Wie wird man denn so etwas?
„Von Haus aus bin ich Krankenpfleger und Heimleiter sowie Kaufmann im Gesundheitswesen. Ich habe mich schon um Menschen in Not gesorgt. Das habe ich vielleicht von meiner Großmutter mitbekommen, die immer gesagt hat: Geben ist genauso wichtig wie Nehmen.“
Welche Eigenschaften braucht es, wenn man als Armutsbeauftragter in Deutschland unterwegs ist?
„Viel Empathie für Menschen in Not, aber wenig Mitleid, weil Mitleid häufig in Ohnmacht und nicht in Handeln mündet. Die Fähigkeit, keine Unterschiede zwischen Menschen zu machen und mit den Armen genauso gut reden zu können wie mit Politikerinnen oder Unternehmern. Mein Grundsatz in allen Gesprächen: Alles, was mir berichtet wird, unterliegt dem ,Beichtgeheimnis‘. Das ist sehr wichtig, wenn Menschen Vertrauen entwickeln sollen.“
Laut den neuesten Zahlen vom Paritätischen Wohlfahrtsverband sind 21,2 Prozent der deutschen Bevölkerung von Armut bedroht. Woran merken Sie das in Ihrem Alltag?
„In Berlin-Neukölln sind es sogar 29,7 Prozent Fatale Zahlen, denn ab 20 Prozent ist mich ein Kipppunkt in der Gesellschaft erreichen. Die Probleme sind enorm: Es gibt wieder Tagelöhner in Deutschland, der Wohnungsmangel, nicht nur in Berlin, ist eklatant, die Gentrifizierung treibt die Mieten und der Preisanstieg im Lebensmittelbereich von 34 Prozent – verglichen mit der Vor-Coronazeit. Allein in Berlin gibt es 48 Tafeln, die aber viel zu wenig Nahrungsmittel erhalten. Man könnte sagen: Früher haben wir Lebensmittel gerettet, heute müssen wir Menschen retten.
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aus PUBLIK FORUM EXTRA LEBEN, Ausgabe April 2025
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