Aufgrund welcher Beobachtungen haben Sie die Ewigkeit für sich als Thema entdeckt?
Peter Seewald: Indem ich mich selbst beim Älterwerden beobachte. Als junger Mensch denkt man mit Sigmund Freud: Sterben – das tun die anderen. Selbst wenn wir an einem Grab stehen, ist es der oder die andere, die oder der gestorben ist. Wir verdrängen das Unvermeidliche, dabei ist es unglaublich spannend, sich mit der eigenen Endlichkeit zu beschäftigen. Das haben über Tausende von Jahren die Menschen auch so empfunden. Heute planen wir jede kleine Reise akribisch, aber Gedanken über unsere letzte Reise machen wir uns zumeist nicht.
Wenn Sie Gevatter Tod in wenigen Sätzen beschreiben wollten – welche Sätze wären das?
Der römische Philosoph Seneca nannte den Tod, den wir fürchten, die Geburt in eine andere Existenz. Wir sind keine Kerze, die irgendwann ausgeht und niemand mehr anzündet. Wenn wir vorher in Dunkelheit gelebt haben, gehen wir mit dem Tod ins Licht, in die Vollendung. Das sagen so oder ähnlich alle spirituellen Überlieferungen. Franz von Assisi lobte ,BruderTod‘ nicht von ungefähr als einen Helfer, der uns zu leben lehrt.
Wenn man Nahtoderlebnisse miteinander vergleicht, dann kommt es einem vor, als würde jeder Mensch das Jenseits anders erleben: Das kleine Kind auf eine Art und der Wissenschaftler auf eine andere. Stellen Sie sich vor – was eigentlich nicht vorstellbar ist?
Das Jenseits ist unvorstellbar, noch unvorstellbarer in einer Gesellschaft, die ihren Glauben weitgehend verloren hat. Wir leben in einem Universum, in das wir dank modernster Technik immer weiter schauen können und doch erkennen wir nirgendwo in der Ferne den Thron Gottes. Die alten Begrifflichkeiten haben ihre Bedeutung verloren und neue Begrifflichkeiten sind nicht erkennbar. Bei der Vorstellung vom Jenseits können uns tatsächlich die Bilder helfen, von denen Menschen erzählen, die ein Nahtoderlebnis gehabt haben. Tausende von diesen früher als letzte Fantasien eines sterbenden Gehirns belächelten Geschichten sind beschrieben und untersucht worden. Eine wesentliche Erkenntnis: In all ihrer Unterschiedlichkeit beinhalten diese Schilderungen immer den gleichen Kern: Das Universum ist Liebe und der Tod keine Hinrichtung, sondern Vollendung.
Kann und sollte man im Leben das Sterben lernen?
Unbedingt. Die Helferinnen und Helfer in der Hospizbewegung würden sich nicht freiwillig mit sterbenden Menschen umgeben, wenn sie davon nicht auch etwas hätten. Ein Jesuit hat mir einmal gesagt: ,Ich habe erlebt, dass Sterben ganz anders ist, als wir uns das vorstellen. Man denkt, beim Sterben geht das innere Licht aus. Jemand dreht den Dimmer langsam runter. Im Gegenteil: Das Licht geht an, und wie!‘ Viele Menschen in der Hospizarbeit berichten davon, dass Menschen im Sterben glücklich und gelöst aussehen. Das Sterben wird überall beschrieben – in Filmen, in Zeitungsartikeln. Aber dabei wird in der Regel die zentrale Frage des Christentums ausgeblendet: die Ewigkeit, die jenseits des Todes auf uns wartet. In der Generation unserer Großeltern gehörte das noch ganz selbstverständlich zum Leben dazu – Geburt, Tod, ewiges Leben. Das Wissen um die Endlichkeit lehrte die Menschen, wie sie zu leben hatten. Prioritäten setzen. Wissen, worauf es wirklich ankommt und was uns Freude schenkt.
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Erschienen in PUBLIK FORUM EXTRA THEMA, September 2026
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